Kopfgrafik

 STARTDER VERBANDLEISTUNGENPRESSEPARTNERKONTAKT
Positionen/Hintergrundinformationen der UVB vom 02.09.2002

Aufschwung Deutschland – Konzepte für mehr wirtschaftliche Dynamik und Beschäftigung

Dr. Lothar Späth, Vorstandsvorsitzender der Jenoptik AG Jena auf dem 12. Unternehmertag in Berlin

Herr Regierender Bürgermeister, Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Ich möchte mich gleich in das Thema hineinbegeben. Es gibt viele Fragen, die mich stark bewegen. Zum Beispiel dieses: Die JENOPTIK macht den größten Teil ihres Geschäftes in Asien. Wenn ich früher nach Asien gekommen bin, dann haben die Leute immer über die deutschen Ingenieure geredet. „Ihr seid die besten Ingenieure der Welt. Die Amerikaner sind vielleicht in der Software besser und die Japaner die größten Automatisierer, aber ihr seit die Leute, die komplexe Probleme lösen.“ Heute werde ich in Asien immer gefragt, wieso wir eigentlich die rote Laterne tragen. Und genau das muss sich ändern.

Damit sind wir direkt bei dem, was Ludwig Erhardt sinngemäß immer gesagt hat: „Ihr müsst immer eines wissen, es hängt nie von den Großen ab, sondern immer von den Kleinen - auch bei den Unternehmern.“ Und vor allem diese kleinen Unternehmer sind stimmungsabhängig. Stimmungsabhängig heißt, wenn man sie anständig behandelt, wachsen sie über sich hinaus. Wenn man sie schlecht behandelt, können sie sich nicht mehr bewegen.

Ich glaube, hier müssen wir anfangen. Meine Sorge ist, dass wir viel zu viel auf die Entwicklungen starren, die wir nicht beeinflussen können: Den Prozess der Globalisierung und seine Konsequenzen. Es hilft überhaupt nichts, wenn wir dauernd über das Problem der Globalisierung reden und wie wir damit fertig werden. Das läuft von alleine. Und: Ein Land wie Deutschland kann da ohnehin nicht ausscheiden, da wir die Hälfte unseres Sozialproduktes durch den Export in andere Länder erwirtschaften. Daran ändert auch die EU nichts.

Der frühere französische Ministerpräsident Jospin hat noch im Frühjahr diesen Jahres gesagt, wir brauchen Europa als Bollwerk gegen die Globalisierung. Ich aber kenne fast keinen Unternehmer im internationalen Geschäft, der sagen kann, mich interessiert der europäische Markt, sonst nichts. Sie müssen heute sehen, dass die Dynamisierungspotentiale in Asien weit höher sind, als in den USA und in Europa. So werden 1,4 Milliarden Chinesen, die halb so alt sind wie wir, eine ganz neue Dynamik entfalten. Dort beschwert man sich heute schon, dass die Wachstumsrate nur bei 7 % liegt. Hier lohnt es sich immer einmal, wieder darüber nachzudenken.

Bei derzeit 0,2 % Wachstum in Deutschland, da weiß man noch nicht einmal, ob da ein Plus oder ein Minus im ersten Halbjahr steht. Aber es wäre typisch deutsch, das zu unterscheiden. Das ist die Dimension, in der wir in Deutschland mittlerweile denken. Vor etwas mehr als 20 Jahren hat Jimmy Carter einmal Helmut Schmidt angerufen und gesagt, die amerikanische Volkswirtschaft hätte Probleme, weiter den Motor der Weltwirtschaft zu spielen, ob Deutschland da nicht einspringen könnte. Helmut Schmidt hat da gesagt: „Wie stellt ihr es euch denn vor?“ Und da hat Jimmy Carter gesagt: „Ihr müsst 14 Milliarden Mark Schulden machen, das kriegt ihr doch hin?“ Und Helmut Schmidt antwortete: „Das ist mir zu gefährlich.“ Heute käme niemand mehr auf die Idee, Deutschland anzurufen und zu fragen, ob wir einmal kurzfristig in der Weltwirtschaft was bewegen könnten. Kein Mensch denkt an Deutschland, wenn er von Dynamik spricht. Nein, jeder denkt heute darüber nach, wie schwerfällig Europa an der Wirtschaft Amerikas hängt und wie schwerfällig die Deutschen an Europa hängen.

Wenn ich sage, dass wir uns um die Globalisierung kümmern müssen, dann meine ich das nicht im dem Sinn, wie wir sie beeinflussen können. Wir müssen stattdessen endlich konstatieren, dass diese Globalisierung ihren Weg geht und gehen wird. Nehmen Sie doch unsere Beschlüsse letztes Jahr: Da hat die Regierung einstimmig 2,8 % Wachstum festgelegt, und ich muss fairer Weise sagen, die Opposition, der meine Partei angehört, hat nicht widersprochen. Ergebnis: Nichts! Es hat niemanden interessiert, dieser Beschluss. Wenn wir morgen beschließen, der DAX richtet sich nicht mehr nach dem Dow Jones, dann bezweifle ich, ob sich nächste Woche etwas ändert wird. Darüber müssen Sie sich einfach klar sein. Das ist der Einfluss nationaler Wirtschaftspolitik. Ein weiteres Beispiel: Wenn die Staatsmänner sich treffen, ob in Genua oder in Kanada, weiß kaum einer, was die am Ende beschlossen haben. Entsprechend reagieren an solchen Tagen die Finanzmärkte der Welt: nämlich überhaupt nicht! Die nehmen das nicht zur Kenntnis. Wenn aber Alan Greenspan 13 Cent für ein Ortsgespräch in Washington ausgibt und einen Journalisten einlädt, mit ihm einen kleinen Spaziergang macht, und der nach 10 Minuten anfängt über die Zinsen zu diskutieren, dann haben sie noch 20 Minuten Zeit, bis auf der ganzen Welt die Finanzmärkte verrückt spielen. Aber was passiert da? Da findet die Verabschiedung der großen globalen Unternehmen von der nationalen Szene statt.

Wenn wir jetzt über Wirtschaftspolitik reden, können wir nicht darüber reden, dass der Erhardt so lange die D-Mark abgewertet hat, dass wir bei 4,20 DM pro Dollar waren. Damals war die deutsche Exportnation nicht mehr aufzuhalten. Das können wir jetzt mit Euro-Deutschland nicht mehr machen. Und Keynes? Der hatte diese Binnenmarktidee: Sobald es schlecht läuft, macht der Staat Schulden, um es in die Wirtschaft zu pumpen, damit die wieder boomt und Steuern zurück ins Staatssäckel fließen. Aus den Steuern wird die Schuld dann zurückbezahlt. Wir sind in der Politik aber immer nur den halben Weg gegangen, soweit ich mich erinnere. Mit der zweiten Hälfte gab es dann meistens Ärger. Hinzu kommt: Wenn sie heute über Binnennachfrage reden, die sie ankurbeln wollen, dann ist die faktisch global. So sehe ich auf den Flughäfen Deutsche, die überall hinfliegen, um die Binnenmärkte anzukurbeln. Bis Bali haben die sich getraut - haben gekurbelt wie die Weltmeister! Auch in Mallorca und der Südtürkei sind die Binnenmärkte angelaufen. Im Klartext bedeutet das: Im Zeitalter der Globalisierung können sie bestimmte Steuerungselemente nicht mehr national beeinflussen.

Das darf allerdings nicht heißen, dass wir künftig nur noch die Amerikaner fragen, wie die Konjunktur läuft. Ganz nach dem Motto: Wenn sie dort gut läuft, geht es uns auch gut. Und wenn sie schlecht läuft, können wir eh nichts machen. Das kann es nicht sein. Die Welt bewegt sich jetzt in zwei Richtungen: So bleiben die Dienstleistungsmärkte ein Stück lokal. Im Kern wird sich z.B. die Zahl der Berliner, die sich in New York die Haare schneiden lassen, immer in Grenzen halten, obwohl der Friseur dort nur die Hälfte kostet. Ich habe es einmal verglichen. Mit anderen Worten, ich brauche meine Kneipe zu Hause, ich brauche meine Einkaufseinrichtungen zu Hause, ich brauche mein Krankenhaus zu Hause, ich brauche meine öffentlichen Dienstleistungen zu Hause, ich brauche meinen Finanzberater zu Hause. Das ist alles lokal und damit haben sie auch eine Wettbewerbssituation im Dienstleistungssektor, die einen lokalen Charakter hat.

Bei den Dienstleistungen haben wir also nicht den globalen Wettbewerb, bei dem wir nur hoffnungslos auf die Lohnkosten bspw. in Asien blicken können. Allein schon deshalb werden wir in Deutschland noch vermehrt den Vormarsch der Dienstleistungen erleben. Nicht weil wir gern Dienstleister sind. Der Deutsche bedient lieber eine Maschine als seinen Nachbarn. Aber in der Produktion fehlen uns ganz einfach die Arbeitsplätze.

Schauen wir uns doch nur mal die Autoproduktion an. Dann reden wir darüber, dass Volkwagen in Wolfsburg zu 25 Euro produziert (einschließlich Nebenkosten), in Zwickau an der Mosel bereits zu 22 Euro, bei Seat in Barcelona zu 11 Euro, bei Skoda in Tschechien zu 2,40 Euro und in Pudong bei Shanghai zu 64 Cent. Und das sind nicht irgendwelche verwegene Reisbauern, die jetzt Autos zusammenbasteln. Das ganze wird strategisch von den VW-Ingenieuren gesteuert und das sind topp ausgebildete Kräfte in China. Das ist Weltmarkt. Und das wird bedeuten, dass eines Tages die großen Schiffe mit den großen deutschen Autos nach China fahren, aber voll auf dem Deck mit kleinen Autos zurückkommen. Die großen internationalen Unternehmen kümmern sich einen Deut um das, was wir da national organisieren, zumal die großen Unternehmen - zeigt die Steuerpolitik – im Grunde die Regierung im Benchmarking fast erpressen können. Die schreiben inzwischen ihre Produktionsstätten aus. Gucken Sie einmal, wie BMW nach Leipzig kam.

Wir Deutschen sind ja ein Ingenieurvolk. Und ein guter Ingenieur hasst seinen Kunden. Da kann man sich in der Regel darauf verlassen, weil der Kunde immer etwas anderes will, wie der Ingenieur für ihn vorgesehen hat. Das ist das Gegenstück zu den Amerikanern. Die denken in Märkten. Und wenn die ganze Welt ein Binnenmarkt ist, dann tun wir uns mit unseren Ingenieuren in unserem Denken schon schwer. Als ich nach Jena kam, habe ich am Anfang immer gesagt: „Nehmt bloß den Ingenieur nicht zum ersten Verkaufsgespräch mit.“ Weil, wenn der zurückkam und ich ihn gefragt habe, ob er den Auftrag hat, hat er immer gesagt: „Das nicht, aber die wissen jetzt, wie gut wir sind.“ Das hat ihn voll befriedigt. Der Amerikaner kommt vom Kunden und sagt: „Der Kunde will den absoluten Schwachsinn haben, aber ich habe mich erkundigt, der ist zahlungsfähig.“ Das hat einen deutschen Ingenieur nie interessiert. Wir haben unter Produkt nie Finanzprodukte verstanden. Wir haben Autos darunter verstanden oder Maschinen und wir waren stolz, wenn die Amerikaner für deutsche Autos das Dreifache bezahlt haben, wie für ihre.

Wir Schwaben haben dann immer gesagt, was heißt hier „deutsches“ Auto. Wir haben selbst, als in Bremen die ersten Daimler montiert wurden, gesagt: „Das wird nichts. Die kommen bald wieder. Wenn die da mit den großen Händen vom Schiffsbau an unsere Sportautos aus Schwaben gehen, wird das nie was.“ Das war damals unsere Einstellung. Und wenn Sie heute über DaimlerChrysler reden, dann redet keiner mehr über Made in Germany. Da reden alle von Made by DaimlerChrysler, egal wo auf der Welt. Die Amerikaner, das wissen sie wahrscheinlich, die lieben ihren Pick-Up. Das ist dieser kleine Lastwagen mit der offenen Ladefläche, den dort fast jeder Mittelständler hat. Da kann man alles einfach draufschmeißen und losfahren. So etwas gibt es in Deutschland nicht. Wir machen da eine Plane drum herum. Es geht doch den Nachbarn nichts an, was man da auf seinem Auto befördert.

Jetzt kommt DaimlerChrysler aber zu dem Ergebnis, auch in Europa einen Pick up zu bauen, weil die jungen Europäer auch ganz locker sind und an so einer offenen Ladefläche Gefallen finden würden. Dann füttern die den Computer mit allerlei Daten: Wo ist es optimal in Europa, wo habe ich die besten Bedingungen, wo ist die kaufkräftige Nachfrage, wie organisiere ich die, wie hoch sind die Steuern, wie hoch sind die Sozialabgaben, wie hoch sind die Nebenkosten, wie qualifiziert sind die Menschen, was für eine Produktivität kann ich da erreichen, wie stabil sind die Regierungen. Dann geben sie für Italien meistens 16 Monate ein, für Deutschland bis zu 16 Jahre nach den letzten Erfahrungen. Dann rechnet der Computer die günstigsten Standorte aus. Derzeit dürfte der dann wahrscheinlich Dublin oder Barcelona ausspucken. Und dann kommt die große Gemeinheit. Dann schicken die eine Liste an 200 Städte in Europa und sagen: Barcelona hat 300 Punkte. Auf der Liste steht, wie viel Punkte die jeweilige Stadt hat und schlagen gleich noch vor, wie sie ihre Punktzahl verbessern kann. Also rede mit den Gewerkschaften, ob wir 7 Tage und Nächte am Stück produzieren können - dafür gibt es noch mal 20 Punkte. Oder das Grundstück wird geschenkt – noch einmal 10 Punkte. Wird die ganze Fabrik finanziert (so wie in Frankfurt/Oder), werden wiederum 15 Punkte draufgepackt.

Unsere Spielregeln funktionieren in einer globalisierten Welt nicht mehr. Die werden von den Unternehmen gegen uns selbst ausgespielt. Und sie werden es sehen, wie kriegen die Steuerharmonisierung in Europa. Das zeichnet sich jetzt schon an der ganzen Körperschaftssteuerdiskussion ab.

Und seien wir mal ehrlich, als Unternehmer ist uns dieses Spiel gar nicht mal so unbequem. Wir sind ja auch froh, wenn wir mal eine Weile stabile Reallöhne haben. Und jetzt komme ich zu den Lohnnebenkosten. Wir müssen zwei Dinge unterscheiden. Die Senkung der Lohnnebenkosten und die Verringerung der den Lohnnebenkosten zugrunde liegenden Sozialkonzepte. Und letztere werden sie in der nächsten Zeit nicht absenken können.

Wir haben die zwei großen Blöcke: Rente und Gesundheitswesen. Die deutsche Rentenversicherung ist das einfachste der Welt: In der Kasse ist nichts drin. Da brauchen Sie nie nachschauen, da sind keine Rücklagen, keine Kapitaldeckung, überhaupt nichts. Jetzt haben wir das Glück, dass die Menschen 7 Jahre älter werden, als zum Zeitpunkt der Entwicklung der Rentenformel. Und entsprechend haben wir jetzt 7 Rentnerjahrgänge zu viel. Das ist ein ganz einfaches Problem, denn jetzt fehlen uns 7 Beitragsjahrgänge. Aber selbst wenn wir alle jungen Deutschen auffordern, den unmittelbaren Beitrag zu leisten, braucht das viel Zeit. Früher sind die Jungen und die Mädchen mit 14 in die Lehre gekommen, heute kommen sie mit 28 von der Universität, wenn sie dort nicht bis zum Vorruhestand bleiben dürfen. Und zum Ausgleich gehen sie nicht mehr mit 65 in den Ruhestand, sondern mit 60 in den Vorruhestand. Wenn ich jetzt die Hartz-Geschichte noch zugrunde lege, dann gehen sie gleich mit 55. Da lohnt sich das Erscheinen in der Arbeitswelt kaum mehr. Und zum Ausgleich, weil sie so gesund ihren Vorruhestand verbringen, werden sie noch einmal 3 Jahre älter. Einfach eine wunderbare Situation, wenn sie keine ökonomischen Probleme hätten.

Natürlich brauchen wir das zweite Bein in der Altersvorsorge. Das ist der Punkt an der Riester-Rente, den ich nicht beanstande, dass wir nämlich endlich anfangen, eine zweite Altersversicherung privat aufzubauen. Das brauchen wir bloß nicht so kompliziert machen, dass wir eine Behörde mit 1.000 Leuten brauchen, die mir genehmigt, dass ich zu meiner eigenen Altersversorgung einen Kredit aufnehmen kann. Sondern, da schreiben wir zwei Bestimmungen hinein. Erstens, das Geld muss mit 60 noch da sein und zweitens, es darf nicht in die Spielbank. Den Rest werden erwachsene Menschen selber lösen. Aber was machen wir mit den 40 Rentnerjahrgängen, die eingezahlt haben, die Anspruch haben, aber keine Deckung da ist? Das wird unser Problem. Was ich damit nur klarmachen will: Die volkswirtschaftliche Last der Rentenversicherung kriegt keine Regierung weg. Jetzt können Sie ja z.B. mit der Ökosteuer einen Teil der Rentenbeiträge an der Tankstelle bezahlen.

Was ich damit sagen will: Sie können das alles drehen und wenden wie Sie wollen, wir haben eine volkswirtschaftliche Belastsituation, die wir nicht unterschätzen dürfen. Ähnlich ist es beim Gesundheitswesen. Schauen Sie, wir machen überall im Augenblick Biotechnologiewettbewerbe, mit dem einzigen Ziel, dort die neuen modernen Arbeitsplätze zu schaffen, weil wir inzwischen, im Gegensatz zu früher, entdeckt haben, dass Gentechnik ein großes Wachstumsfeld der Zukunft ist. Was aber machen denn diese jungen Leute, die wir da alle ansiedeln? Die entwickeln ununterbrochen Medikamente und Verfahren, die das Leben noch länger und schöner machen. Stellen Sie sich vor, sie sind erfolgreich. Was machen wir dann? Dann haben wir ein noch größeres Lohnnebenkostenproblem, wie wir es jetzt schon haben.

Ich bin dafür, dass wir die Krankenhäuser rationalisieren, neu organisieren. Aber die Gesundheitskosten in einer alternden Gesellschaft zu senken, da bin ich mal sehr gespannt, wie das läuft. Ich nehme immer das Beispiel des Opas, der früher mit 70 seinen ersten Oberschenkelhalsbruch hatte. Der bekam zwei Schrauben in der Chirurgie hineingedreht und vom Chefarzt einen Stock in die Hand. Dann war das erledigt. Heute bekommt der zwei Hüftgelenke implantiert. Machen Sie einmal einen Kostenvergleich und dann erzählen Sie mir mal was über die Senkung der Gesundheitskosten. Und so ein 64-Jähriger wie ich, der ist auch einmal nach dem zweiten Herzinfarkt gestorben - unter Aufsicht des Facharztes. Der kriegt heute sechs Bypässe und meldet sich mit 70 zum Seniorensport an. Je älter ich werde, desto sympathischer wird mir die ganze Veranstaltung. Nur wieso soll ich denn den Leuten erklären, dass dieser Kostenblock der deutschen Volkswirtschaft nichts ausmacht. Da haben wir ein riesiges Problem.

Jetzt kommt die Frage, wie konkurriert eine international wettbewerbsfähige Gesellschaft, wie die deutsche. Wie reagiert die Industrie? Sie kann nur eines machen, und das hat die deutsche Industrie bislang sehr erfolgreich gemacht. Die deutsche Autoindustrie produziert heute 20 % mehr Autos mit 20 % weniger Leuten. Jetzt übt sie, wie sie mit 40 % weniger Leuten, 40 % mehr Autos produziert. Wenn sie das geschafft hat, überlegt sie, wie sie weitermacht. Mit anderen Worten, die Großindustrie kann außer dem Thema Produktivität zunächst einmal wenig einbringen. Das wird allerdings irgendwann ganz schwierig. Jeder von Ihnen weiß, dass das erste Kostensenkungskonzept noch relativ erfolgreich verläuft. In der ersten Runde kriege ich 10 bis 20 % der Kosten herunter. Wenn Sie aber innerhalb von 3 Jahren das fünfte Kostensenkungskonzept machen, kommt da nicht mehr viel heraus. Dann sind Sie ganz schnell bei einem Prozent. Und glauben Sie nicht, dass die Ungarn und die Tschechen und die Chinesen und die Malaien mit Rücksicht auf uns ihre Produktivität nicht erhöhen werden. Und jetzt kommt auch noch die Hochtechnologie aus diesen Ländern.

Meine Firma, die JENOPTIK, von der die Leute immer noch glauben, sie schleift Linsen und macht Mikroskope, ist heute Weltmarktführer in der Chipindustrie. Und zwar nicht Kartoffelchips, sondern richtige Halbleiter. Wir planen im Augenblick mehr Halbleiterfabriken in Shanghai als in ganz Europa. Das gibt mir zu denken. Denn jetzt reden wir nicht mehr von Textilien oder von Unterhaltungselektronik, die in Asien für den Massenmarkt produziert werden. Jetzt reden wir von einem ganz komplizierten technischen Prozess. Eine Fabrik kosten ca. 2 Milliarden Dollar und ein Kilo Chips ist nicht sehr groß, hat aber einen Wert von 50.000 Euro. Wenn Sie das abends - Shanghai-Zeit - in den Jumbo schmeißen, dann ist morgen früh in Frankfurt/Main zwischen 7.00 und 8.00 Uhr der Jumbo da. Luftfracht 2,60 Euro für das Kilo! Wenn Sie dann nicht gerade auf die Idee kommen, das mit der Post nach Berlin zu befördern, ist alles kurze Zeit später da, wo Sie es brauchen. Das Logistikproblem beginnt also nicht in Shanghai, sondern ab Frankfurt.

Jetzt kommt die Frage, was passiert eigentlich mit uns, wenn diese Produktivitätsschraube nicht mehr weiter zieht. Dann kommt die Innovationsidee. Wir kommen nur noch mit Innovationen weiter. Innovation heißt neue Ideen, neue Konzepte, neue Projekte und vor allem Technikbegeisterung. Das haben wir in Deutschland versiebt aber ich bin mir sicher, das kommt wieder. Wir brauchen neue Ideen und wir brauchen neue Unternehmen. Und diese neuen Unternehmen sind wieder Mittelständler, wobei wir wieder beim Problem sind.

Viele mittelständischen Betriebe können nicht die selben Tarife verkraften, wie die Großunternehmen das aufgrund von durchgreifenden Rationalisierungen können. Da beginnt das Tarifproblem. Jetzt könnte man ja auf die Idee kommen, flexiblere Tarifstrukturen zu machen. Dann hätten wir nämlich den flexibleren Arbeitsmarkt und über den müssen wir reden in Deutschland. Da brauchen wir nicht die Tarifhoheit der Gewerkschaft in Frage stellen, aber wir müssen die Prozesse transparent machen. Da fängt die Frage schon an: Was müssen wir in Deutschland verändern? Die Tabus müssen weg. Wir müssen über alles vernünftig miteinander reden können und dann sind wir auch einigungsfähig. Da habe ich gar keine Probleme. Aber nur ein Bündnis für Arbeit zu machen, bei dem vorher schon gesagt wird, über was man nicht redet, nämlich alles wichtige, ist die ungefährlichste Methode überhaupt zu reden. Wir müssen aber über die Funktion unserer Flächentarife reden und über die Spielräume, die wir brauchen, um gestalterisch mehr Spielraum für die kleineren und mittleren Unternehmen zu bekommen. Denn die schaffen die Arbeitsplätze.

In den letzten 20 Jahren hat die Großindustrie in Deutschland eine Million Arbeitsplätze abgebaut und der Mittelstand hat drei Millionen Arbeitsplätze geschaffen. Wenn aber nur die Kleinen die Arbeitsplätze schaffen, dann brauchen wir eine neue Politik für den Mittelstand und daraus kommt unser zentrales Problem. Welche Elemente muss diese Politik haben? Zunächst einmal brauchen wir eine höhere Selbständigenquote und wir brauchen eine neue Form von Begeisterung für Technologie - und zwar für jede Art von Technologie. Ich habe heute ein wunderbares Beispiel erlebt. Ich habe heute mit Leuten von einer Organisation für Beteiligungsstrukturen diskutiert. Da waren für mich zwei Dinge besonders interessant. Erstens, sie wissen nicht was sie mit den Gewerkschaften diskutieren sollen. Wenn da der Gewerkschaftler sagt, wir machen um 10.00 Uhr eine Betriebsversammlung, meint der morgens und die abends. Die reden absolut aneinander vorbei. Die Lebensentwürfe dieser jungen Leute sind völlig anders. Die lachen sich tot über einen Begriff wie Scheinselbständigkeit. Die nehmen beispielsweise einen Designer, der macht 8 Wochen Design bei denen und dann nimmt der seinen Scheck und geht nach Australien. Und wenn die ihn mal wieder brauchen, rufen sie den an und er kommt mal wieder in Berlin vorbei. Das ist dann scheinselbständig. Aber selbst die „Ich-AG“ ist ein scheinselbständiger Betrieb. Ich will das gar nicht weiter ausmalen. Ich will damit nur zeigen, dass wir Spielräume für diese Lebensentwürfe brauchen.

Wir sollen uns nicht einbilden, dass das Arbeitsamt die Arbeitsplätze schafft - nicht einmal mit der Hartz-Kommission. Es ist eher gefährlich, wenn die bei sich welche schafft. Wir haben dort jetzt schon 90.000 Angestellte und ich habe noch nichts davon gehört, dass diese Selbstverwaltung der Bürokratie plant, sich wegzurationalisieren. Da wird eher diskutiert, wie viele neue sie brauchen, um die Hartz-Vorschläge umzusetzen. Das ist nicht ungefährlich. Die Arbeitsplätze schafft auch nicht die Regierung, übrigens die Opposition auch nicht, damit das gleich klar ist. Arbeitsplätze schaffen Unternehmer und unsere erste Frage darf nicht sein, wie verteilen wir unauffällig 4 Millionen Arbeitslose in Deutschland, sondern wie schaffen wir Jobs, damit wir von dieser Arbeitslosenrate herunterkommen. Aber dazu brauche ich den unternehmerischen Geist und der ist in Deutschland derzeit verkümmert.

Mein Lieblingsbeispiel ist da immer der Transrapid. Ich kenne keine Nation der Welt – vor allem keine Ingenieurnation -, die zwei Milliarden Steuergelder in die Entwicklung eines Massenverkehrsmittels steckt. Wir wissen, dass die Luftslots der Flughäfen eines Tages nicht mehr ausreichen, um den europäischen Verkehr in der Luft zu halten. Das ist eine Technologienation, die darüber klagt, dass sie die Motorisierung nicht mehr erträgt und mit dem Transrapid ein toppmodernes Verkehrsmittel entwickelt hat, was dann jahrelang im Emsland, wo niemand wohnt, auf und ab fahren lässt. Das ist eine Technologienation, die jetzt den Chinesen 200 Millionen zahlt, damit sie den Transrapid in Shanghai aufstellen. Ich habe mir das angeguckt, die Stützen stehen schon. Die warten nur auf die Lieferung aus Deutschland. Und jetzt sagen die Chinesen ganz schlau zur deutschen Industrie, ihr könnt uns ja ein paar Milliarden besorgen, dann könnt ihr auch die Strecke nach Peking bauen. Wahrscheinlich machen die Chinesen in der Zwischenzeit ein Reisebüro auf, das die deutschen Touristen nach Shanghai fliegt, damit sie einmal mit dem deutschen Transrapid auf einer Strecke nach Peking fahren können, die sie mit ihren eigenen Steuergeldern finanziert haben. Können Sie mir jetzt noch einen Grund nennen, warum der Transrapid nicht in Deutschland fährt? Oder warum wir nicht die Hauptstädte Europas mit einer solchen Strecke verbinden um den besagten Flugverkehr in Europa zu entlasten? Die Kosten dafür sind erschwinglich, wenn sie das mit den Subventionsmilliarden vergleichen, die die EU jährlich für die Landwirtschaft rausschleudert. Aber wir legen dieses Thema in Deutschland lieber zu den Akten. Mit so einer Ingenieurnation können Sie nicht die Zukunft gewinnen.

Dasselbe haben wir bei der Gentechnik. Ich bin Mitglied dieser nationalen Ethikkommission und es ist hochinteressant, zu sehen, wie die Wissenschaftler und die Moraltheologen sich da in den Haaren haben. Da gibt es bestimmt viele Dinge, die wir nicht tun dürfen. Eines weiß ich sicher, die Gentechnik wird eine der revolutionärsten, modernsten Industrien in der ganzen Welt, mit oder ohne Deutschland. Zur Zeit holen wir aufwendig einige Bioforscher zurück, die wir vor 20 Jahren nach Amerika verjagt haben. Da gab es das Schaf Dolly noch gar nicht, über das sich die Leute inzwischen aufregen, sondern da gab es die amerikanischen Science-Fiction-Filme. Also, ich habe da so einen in Erinnerung, da sind Ameisen genmanipuliert 3,20 Meter groß durch die Wüste von Nevada gewatschelt. Da haben die Leute hier Angst bekommen und gesagt: „Um Gottes Willen keine Gentechnik!“ „Mene Gene gehör’n mir allene!“ haben damals die Berliner gesagt. Heute sagt uns die Statistik, dass in keinem Land der Welt mehr gentechnisch hergestellte Pharmaka geschluckt werden, wie in Deutschland. Klar, wenn der Arzt zum Patient sagt, du schluckst das Zeug oder du gehst in die Gruft, dann vergisst der alle Ameisen jeder Größenordnung und schluckt wie ein Weltmeister.

Als ich 1978 das erste Mal in China war, habe ich in Wuhan die Universität besucht. Da bin ich zur medizinischen Fakultät gegangen, morgens um 8.00 Uhr, da hatte die Vorlesung schon begonnen. Als ich herein kam, sind die Studenten aufgestanden und haben gesungen „Im Frühtau zu Berge wir ziehen vallera“. Ich habe dem Rektor gesagt, das würde mich sehr ehren, dass die ein deutsches Lied gelernt haben, aber es sei nicht nötig gewesen. Da hat er gesagt, bilden sie sich bloß nichts ein. Wer nicht deutsch kann, kann in China nicht Medizin studieren, weil es nur deutsche Bücher gibt über Medizin. Auch in Japan war das lange so. Vor zwei Jahren war ich wieder dort. Da gibt es kaum noch deutsche Bücher, nur englische. Aber die Leute sagen, die Deutschen waren einmal die Apotheke der Welt. Die Deutschen waren einmal die Ingenieurnation, die komplexe Systeme aufgebaut hat, Anlagenbau, Chemieanlagen, vernetzte U-Bahn-Systeme realisiert hat. Das ist unser Ruf. Aber was glauben Sie, wie lange der Ruf hält, wenn heraus kommt, dass wir unseren Transrapid nur in Peking bauen können, weil wir uns nicht trauen.

Wir müssen wieder Zeichen setzen. Wenn wir eine neue Stimmung in unsere junge Generation hineinbringen, dann brauchen wir keine Greencards mehr. Ich bin nicht gegen die Greencard-Initiative. Aber ich habe langsam die Sorge, wir müssen die Stürmer in Deutschland mit der Greencard einfliegen, damit wir unsere Schiedsrichter auslasten können. Wir haben ein Missverhältnis in Deutschland zwischen den vielen, die sagen wie es geht und denen, die es richtig machen. Vor 20 Jahren gab es eine Umfrage in deutschen Universitäten, was sie später einmal arbeiten wollen. 70 % der Studenten wollten in den Öffentlichen Dienst. Stellen Sie sich vor, das wäre Wirklichkeit geworden. Heute wollen 70 % Unternehmer werden. Das ist doch ein deutliches, gutes Zeichen und genau dort müssen wir ansetzen.

Wenn wir über Arbeitslosigkeit reden, rede ich nicht gerne über all diese tausend Details der Arbeitslosenverwaltung, sondern zuerst darüber, dass wir nur 9,9 % Selbständige haben. Das ist inzwischen unter dem Öffentlichen Dienst, früher war es umgekehrt. Da sage ich immer, wir brauchen Schiedsrichter, wir brauchen eine gute Verwaltung, gute Beamte, aber wir brauchen vor allem auch Stürmer. So ein Missverhältnis wie hier darf nicht entstehen. Um beim Fußball zu bleiben: Wenn ich ins Stadion komme, und ich bin hier kein so ein Experte wie Schröder und Stoiber, und da rennen 22 Schiedsrichter hinein beim Spielanpfiff und ein Stürmer der umschult, dann zahle ich keinen Eintritt. Dann gehe ich wieder und genau diese Methodik, die muss sich auflösen. Ich sage Ihnen, wenn Sie jungen Leuten zeigen, was in Deutschland geforscht wird und denen praktisch zeigen, was die Ingenieure hier können und auf die Beine stellen, dann wollen auch wieder mehr Leute Ingenieur werden. Vorrausgesetzt, man nimmt ihnen das Schreckensgespenst der Überverwaltung. Genau dieses ist psychologisch das wichtigste. Die jungen Unternehmen entstehen in den Klassen, da wo Fachhochschulen, Forschungseinrichtungen, Hochschulen, Fraunhofer Institute und solche Dinge sind und wo das beste Klima ist. Das können Sie genau beobachten.

Ich bin z.B. der Meinung, dass Berlin eine der Städte ist, in der sie diese junge weltoffene Generation finden, die Lust hat, mit neuen Lebensentwürfen neue Unternehmen zu betreiben. Da sollte man sich jetzt nicht beeindrucken lassen, dass der Neue Markt zusammengekracht ist. Der ist in drei Jahren wieder stabil. Nehmen Sie einmal die Verluste, die wir bei den Ostimmobilien hatten, das war nicht viel weniger als das, was beim Neuen Markt flöten ging. Da haben die Westdeutschen zum ersten Mal in Ostdeutschland gelernt, das Immobilienkapital auch Risikokapital sein kann – nämlich, wenn niemand einzieht. Die Schwaben fahren immer nach Leipzig und sagen, es steht leer, aber es steht noch.

Der Jungunternehmer ist noch kaum in seinem Häuschen, fängt an zu basteln an seinem Produkt und da kommt auch schon der erste vom Finanzamt. Und der ist noch nicht draußen, da prüft schon ein anderer, ob auch wirklich zwei Klos da sind für Männlein und Weiblein. Dann wird beispielsweise ein Behinderter eingestellt, aber die Türbreite vom Klo stimmt nicht. Dem Behinderten helfen daher seine Kollegen, alle kommen prima zurecht, aber der Beamte hat damit ein Problem und droht mit einem Strafbescheid, wenn die Tür nicht breiter gemacht wird. Das Ergebnis: Der Behinderte wird entlassen. Da ist unser Problem.

Lasst doch die jungen einfach einmal loslegen. Das Schlimme sind ja nicht die jungen, sondern die alten, die den jungen dauernd mit dem erhobenen Zeigefinger sagen: „So nicht und jetzt nicht und am liebsten gar nicht.“

Jetzt machen Sie einmal eine andere Rechnung auf. Wenn wir es nur schaffen, die 9,9 % Selbständigen zu erhöhen auf 10 %. Dann sind das 20.000 kleine Unternehmen und mindestens 100.000 Arbeitsplätze. Wir hatten in der Nachkriegszeit, als es uns wirklich gut ging in Deutschland, 14 % Selbständige. Wenn ich Hartz wäre, würde ich sagen: Wir machen wieder 14 % Selbständige, dann haben wir überhaupt keine Arbeitslosen mehr. Das sage ich aber nicht, denn das wäre viel zu gefährlich. Aber der Trend muss heißen: Mehr Selbständigkeit.

Wenn wir jetzt gleichzeitig noch den älteren Mittelständischen, die riesige Probleme mit dem Eigenkapital haben, einen Weg zeigen, wie wir die Finanzierungsstrukturen verändern, dann kommen wir auch dort weiter. Nehmen sie BASEL II. Es ist ganz gefährlich, wenn wir darüber schweigen und sagen, das sei in Ordnung. Das mag formell in Ordnung sein. Aber in der Struktur haben wir das Problem nach wie vor. Das System kommt übrigens aus den USA. Dort lautet die traditionelle Formel aber: 40 % Eigenkapital beim Mittelstand und 25 % Steuern. Jetzt übertragen wir das auf unsere Unternehmen mit 8 % Eigenkapital und mit 47 bis 49 % Steuern. Diese Dinge müssen wir ändern und da müssen wir auf den Mittelständler gucken. Das große Problem ist, dass der Mittelständler einmal 500 Leute hat und einmal 2, aber im Kern ist es der Unternehmer, der uns die Arbeitsplätze schaffen muss. Der braucht weniger Bürokratie. Der hat die Schnauze voll. Der Mittelständler arbeitet 230 Stunden im Jahr ausschließlich für Finanzamt, für Behörden und die Statistik. Der will sich doch nicht eine Woche mit dem Finanzamt herumstreiten, die zweite mit diversen Genehmigungsbehörden und einer Gewerbeaufsicht und jetzt kommt die dritte Woche noch die Ratingagentur und sagt: „Einen Kredit bekommst du nicht, das ist viel zu gefährlich.“ Wie wollen Sie denn da einen Mittelstand aufbauen?

Und damit sind wir ganz schnell bei dem Thema Entbürokratisierung. Die nächste Entbürokratisierungskommission darf nicht im Innenministerium angesiedelt sein, wo die sich immer alle gegenseitig bestätigen, dass ihre Gesetze gut waren. Das gehört ins Wirtschaftsministerium, wo man die Praktiker der Wirtschaft direkt fragen kann, wo die Probleme liegen. Dann gehen wir einmal ganz systematisch vor und fragen, wie viele Vorschriften wir ersatzlos streichen können - und wir werden Wunder erleben. Schauen Sie, da ist im Grunde mein ganz einfacher Ansatz. Förderung der Gründung mit vollem Risiko. Ich gebe das Geld lieber in der Geburtsstation aus als an den Friedhof. Die Rettung der JENOPTIK war, dass wir auf dem Weg zum Friedhof rechtzeitig die Kurve genommen haben. Wir haben heute kein Produkt mehr, das älter ist als 4 Jahre. Darauf kommt es an.

Damit sind wir bei der Frage Gründung, Gründerinitiative, Entbürokratisierung des Bestehenden und die Eigenkapitalsituation. Wir brauchen dazu langfristig auch Steuersenkungen. Sonst kommen Sie im freien Unternehmertum nicht voran. Der Staat soll ein freier Staat sein. Aber es geht doch nicht, dass von
100 % Wertschöpfung nur 60 % bei denen, die sie gemacht haben, bleibt. Ich finde, da ist die Schmerzgrenze schon erreicht.

In Deutschland gibt es eine Million Putzfrauen ohne Lohnsteuerkarte in der mittleren Steuerklasse. Ich habe noch keine gesehen. Warum öffnen wir nicht diesen Niedriglohnsektor, wo jeder etwas verdienen kann. Dann werden Sie sich wundern, wie viele Leute nebenher was machen und das gibt alles Wertschöpfung, aus der heraus Dynamik entsteht.

Wir müssen aus dieser depressiven Stimmung in Deutschland heraus. Dazu müssen wir eine leidenschaftliche Vertretung der Leistungsgesellschaft fordern. Ich kann dieses ewige Thema, ständig Leistung zu fordern sei gefährlich, nicht mehr hören. Warum fordern wir die Leute nicht. Die Pisa-Studie hat es doch gezeigt. Dort wo die Kinder gefordert werden, sind sie besser als dort, wo sie nicht gefordert werden. In Deutschland ist Leistung unglaublich beliebt, so lange sie nicht in Arbeit ausartet.

Ich will es einmal ganz grob sagen: Wenn wir es hinkriegen, diese Stimmung zu verändern, die richtigen Ansätze finden, ist es keine Zauberei. Die Deutschen waren schon unglaublich gut, unsere Väter und Großväter waren schon erfolgreich. Warum sollen wir es nicht auch sein? Aber wir müssen drangehen und uns sagen, dass es ohne Wirtschaft nicht läuft. Wir haben zwei Wege. Entweder kriegen wir Wachstum. Denn wenn wir nicht über 2 % Wachstum bekommen, kriegen wir unsere Sozialsysteme nicht hin. Das heißt also die Frage ist nicht, ob wir kürzen oder nicht kürzen, sondern ob wir unsere Sozialsysteme aus dem Wachstum unserer Wirtschaft heraus finanzieren können. Insoweit ist Sozialpolitik auch ein Stück Wirtschaftspolitik. Nur der Zusammenhang wird immer von den Leuten geleugnet. Ich bin ein Anhänger der Spaßgesellschaft, nur zuerst kommt der Spaß an der Arbeit, dann können wir uns die anderen Späße auch leisten, sonst ist der Spaß bald vorbei. Nichts anderes will ich in meinem hohen Alter den Menschen vermitteln und hoffe, dass wir damit zu einer besseren Wirtschaftspolitik kommen.

Datenbank
Unternehmen
und Produkte
Die AG der
Personalleiter
RSS

Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg e.V. (UVB)




Impressum